Suitcase = Agnes Kemeny

Hol Dir den kleinen Lederkoffer aus der Kammer, pack die Kleider und Blusen von Agnes nebst Büchern, Landkarten und dem sonst noch Notwendigen, nimm Dir einen langsamen Zug mit Speisewagen, der Dich durchs Rheintal und später duch die Alpen nach Süden fährt, und nimm Dir zwischen Siena und Florenz ein Zimmer mit Aussicht.

Dann bist Du nah der Stimmung und Haltung, mit der Agnes in Italien ihre kleinen Kollektionen entwirft und zusammen mit zwei oder drei älteren Signoras eigenhändig die Stücke näht. Die Produktion der jeweiligen Sommer- oder Winterkollektion kann erst beginnen, wenn zwei Mal im Jahr die besonderen Gewebe eintreffen, die sie sich sorgfältig ausgesucht oder mit nostalgischen Bildern vor Augen eigens in Italien hat anfertigen lassen. Mit den Stoffen in ihren Händen steigen Erinnerungen an die Grossmutter ihrer Kindheit auf wie bei Sonnenuntergang auf der Veranda die würzigen Düfte aus den Schatten der Wiese am Waldrand. Selten trifft man auf Jemanden, bei dem der Charakter von Person und Produkt so übereinstimmt wie bei Agnes. Kann man sich das heute noch vorstellen?: Für manche ihrer Kleider oder Blusen färbt sie einzeln die Olivenholzknöpfe mit Pinsel und Lasuren! Für mich gibt es nichts Erotischeres als eine sinnliche Frau, die sich selbst und ihre Schönheit vergisst. Agnes Stücke entfalten in ihrer Selbstverständlichkeit die gleiche unkontrollierte Anmut eines Weibes, das sich vermeintlich unbeobachtet dem Schreiben eines Briefes, dem Zerkleinern von Gemüse oder dem Pflanzen von Tulpenzwiebeln widmet, während das Haar sich löst und der Pulli über die Schulter rutscht.