Alexander McQueen
Wieder ein Text über eine “falsche” Haltung, der sich anfügen lässt an den allerersten in meinem weblog über Teresa Margolles.
Der Kölner Stadtanzeiger berichtete am 18.12.2000 über den Modedesigner Alexander McQueen:
“Triumph des bösen Zauberers
Modemacher McQueen gibt den Bürgerschreck und wird belohnt.
In der Welt des schönen Scheins ist Alexander McQueen ein wahrer Rebell. Er gibt sich betont hässlich, lässt seine Zahnstummel weiter verrotten und kaschiert seinen Speck nur mühsam unter zeltartigen Hemden. Gelegentlich nimmt er auch in Gesellschaft sein Glasauge heraus oder zeigt seinen blanken Po, um die Ladys, von deren Eitelkeit er lebt, wahlweise durch seine Schamlosigkeit zu beglücken oder zu schocken. Das er sich selbst als “fette Schwuchtel” charakterisiert, steigert die Wonne noch.(…)
McQueen gefällt sich in der Rolle des bösen Zauberers. Die Kulisse für seine Inszenierungen ist immer düster: Kerker, Geisterbahn, Schafott oder Tatort für “Jack the Ripper”. Er, der schon mal Models zu blutverschmierten Vergewaltigungsopfern schminkt und auf Seide Parolen von Befreiungsarmeen sticken läßt, zelebriert den Skandal meisterhaft und führt landläufige Vorstellungen von Schönheit ad absurdum. Ein Model, das bei einem Unfall beide Beine verloren hatte, schickte er mit hölzernen Prothesen auf den Laufsteg.(…)
Es gibt so viele McQueens!
Da es mir wieder einmal nicht gelingt, dies mit einem milden Lächeln für ein amüsantes Spiel zu halten, wie z.B. auch die jüngste Photostrecke in der Vogue, die Folterszenen aus irakischen Gefängnissen für Modeaufnahmen nachstellt, teile ich aus:
für mich ist das die widerlichste Haltung, die man in der Zunft der Kulturschaffenden einnehmen kann:
in der Pose des Anarchisten oder Provokateurs der Happy Few zu einem ihrer hofiertesten Entertainer werden zu wollen.
Die Erwartungen einer in Langeweile und Selbstekel degenerierenden Society aus Spekulanten und Krisengewinnlern erfüllt man triumphal genau dann, wenn man sie mit Füßen tritt. Das Treten ist eine Art Zuwendung, die Anerkennung einer Abhängigkeit, letztlich ein Respektieren ihrer Gier nach dem Spektakulären.
Die sozialen Realitäten der Unterschichten, der Misshandelten und Entrechteten, auf die vermeintlich provokativ verwiesen wird, werden durch ihren zitierenden Einsatz als Stilmittel weder beklagt, noch bekämpft, weder kritisiert noch reflektiert, sie werden stattdessen nur
- ornamentalisiert.
Es werden keine politischen Reaktionen provoziert, sondern lediglich Affekte und Reflexe auf ästhetische Reize. “Schrä-hääg”! schreit die Schickeria.
Der ästhetisierende Blick ist der aus sicherer Distanz, ist der Blick dessen, der nicht involviert ist.
Ich vertrete nicht die unversöhnliche Ansicht, daß man den Reichen und Mächtigen keine Kunst verkaufen kann und darf, ich kann es nur nicht ausstehen, wenn man von sich behauptet, man würde oder könne sie dabei schockieren.
Schockieren kann man nur die nicht Eingeweihten, und dies ist nach wie vor eine der leichtesten Übungen.
McQueen macht wildes Männchen für die Eingeweihten, und so hofiert er sie schamlos und harmlos. Das ist nicht Provokation, sondern Maskerade, und die kennen sie nur allzu gut.
Sie holen ihn in die Familie.