Intermezzo 1

Solche Situationen passieren mir beinahe täglich.

Ich halte mit dem Scarabeo an einer Ampel und rutsche mit dem linken Fuß, auf dem ich mich abstützen will, ein wenig aus.
Nichts ist passiert.
Aber in meinem Kopf spult sich eine parallele Szene ab.
Denn links neben mir steht ein LKW mit doppelter Achse, wartend, auf der Linksabbieger-Spur.
Was wäre, wenn ich nach links weg gekippt wäre?
Um nicht unter den Roller zu geraten, hätte ich mich etwas abstoßen müssen, um mich weiter weg abfangen und abrollen zu können. Aber da steht der LKW.
Ich wäre mit dem Kopf genau zwischen den beiden Hinterrädern zu liegen gekommen.
Hätte ich mich schnell genug aufrichten können?
Wäre jemand aus einem Auto gesprungen, blitzschnell und geistesgegenwärtig, um den Fahrer zu warnen, nicht los zu fahren bei Gelb und Grün.?
In einer Vorstellung wird mein Kopf im Helm zermalmt.
Dunkel. Dann nichts weiter.
In einer anderen Vorstellung komme ich noch hoch mit dem Kopf, klemme aber mit dem Bein fest unter dem Roller, und werde von dem anfahrenden Laster an der Schulter verletzt.
Liege plötzlich im Krankenhaus, mit gebrochener Schulter, habe jetzt “meinen” Unfall, den unvermeidlichen, vor dem mich alle immer gewarnt haben, der ja irgendwann einmal passieren musste, den ich mit meiner Entscheidung, nur noch Roller und Guzzi zu fahren, ja regelrecht herausgefordert habe.
Liege jetzt im Bett, in einem fremden, kahlen und kühlen Raum, in weisser Helle, starre an eine öde Decke, in die kleinen Löcher der isolierenden Deckenplatten, auf eine Neonröhre in einer kristallisierten Plexiglaskassette, die das Licht diffus streut, schattenlos.
Bin in den Händen und der Obhut anderer, die Maßnahmen ergriffen und geplant haben, die mich gehoben und bewegt haben, durch Gänge und Räume gerollt, die ihnen vertraut sind, die ihren Alltag ausmachen, ihre unversehrte Normalität.
Liege plötzlich hier und sehne mich nach meinem Alltag, nach Hause, nach der normalen, unbehelligten, heilen Fortsetzung meines Arbeitstages, nach der so oft beklagten und bedrückenden Stille meines kleinen Ladens, in die ich mich jetzt so sehr wünsche. Nach einem Abend in Sicherheit vor dem Fernseher, mit den Jungs auf der Couch hinter mir, und Birgit, die im Nebenzimmer mault, dass wir schon wieder fernsehen.
Liege hier in frischen, steifen Laken, in einer Realität, die plötzlich eine völlig veränderte ist, die alles andere relativiert, alle Pläne und Termine der nächsten Tage hinfällig werden lässt, in eine taubstumme Kammer abstellt, alles Gewohnte in Frage stellt. Was werde ich wieder können? Und wann?

Stattdessen fahre ich bei Grün weiter.
Der LKW rollt an und biegt nach links ab, wie vorgesehen.
Nichts ist passiert, aber ich bin froh, plötzlich froher als davor.
Dies ist keine Strategie. Es passiert. Immer und immer wieder.
Neben der Wirklichkeit gibt es unzählige Möglichkeiten.
Und irgendwann rutschen wir plötzlich in eine hinein, werden in ein privates Paralleluniversum katapultiert, auf eine andere Schiene gesetzt.
Haben wir die geringste Ahnung davon, wie oft wir davon gekommen sind, wann und wo und wie oft wir “überlebt” haben?

In der All Bar One sitze ich hinter einer riesigen Scheibe und schaue in das Treiben auf dem Friesenplatz.
Es geht mich nichts an, es ist entrückt. Alle gehen ihre eigenen Wege, Autos und Motorräder halten und fahren an.
Stell Dir vor:
Du siehst die Frauen, ihre wiegenden Bewegungen, ihre lockenden Hintern und wippenden Brüste, und es gibt keine, die Dich berührt und die Du berühren darfst.
Du siehst die schicken Wagen und fährst keinen davon.
Du siehst die teuren Waren in den exklusiven Geschäften und kannst sie Dir niemals leisten.
Würde man da nicht verrückt?

Das einzige, was man dauernd und intensiv spürt, ist die Unbeweglichkeit des eigenen, aussichtslosen Schicksals, und dass sich nichts ändern wird.
Es sind immer nur die Anderen, die teilhaben am tollen Leben, wie es pulst und glitzert.
Würde man da nicht irgendwas tun, sich irgendwas nehmen?

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