Zur Kunst von Teresa Margolles oder: der heilige Zweck und die Mittel

Um es vorweg zu sagen:
Ich finde die Arbeiten von Teresa Margolles “falsch”.
Der folgende Text ist der Versuch, dies zu begründen.

Bis zum 7. Januar 2007 zeigt die mexikanische Künstlerin und Präparatorin eine ihrer Arbeiten im Düsseldorfer Kunstverein.

Dort hat sie, in dem ansonsten leer gelassenen, weissen und langgestreckten Raum, einen langen Faden straff von Wand zu Wand gespannt. Dieser Faden besteht wiederum aus der Verknüpfung vieler kürzerer Fäden, die benutzt worden waren, um geöffnete und autopsierte Mordopfer der Mafia in Mexikos Norden wieder zu vernähen. Die strapazierfähigen Fäden sind und wirken blutgetränkt. Jeder einzelne Faden repräsentiert ein einzelnes Opfer. Es verwundert, daß diese verknoteten Fäden die enorme Spannung , bei der großen Entfernung zwischen den beiden Kopfwänden ,so straff gespannt aushalten, denn sie hängen nur wenig durch. Man kann schlussfolgern: die mit Blut getränkten Fäden sind zum Zerreissen gespannt.
Ich habe mir also diese Installation angesehen. Die anderen kenne ich nur aus Veröffentlichungen in Kunstzeitschriften.
Teresa Margolles arbeitet seit 16 Jahren als Präparatorin in der Forensik in verschiedenen Leichenschauhäusern Mexikos. Die Toten sind meist Gewaltopfer aus der Unterschicht. Die Gewalt der Mörder ist laut Margolles ein Produkt unserer Gesellschaft, ebenso wie die Armut und deren Opfer.
Leichenschauhäuser seien ein Thermometer der Gesellschaft, wird die Künstlerin in der Zeitschrift “Art” vom September 06 zitiert, man könne an ihnen sehr genau die soziale Realität ablesen.
Margolles versteht ihre Arbeiten als “Schocktherapie für eine mitleidlose Gesellschaft”, deren Aufmerksamkeit sie auf die Missstände ihrer Wahl lenken und zum Handeln auffordern will.
Andere künstlerische Arbeiten von ihr zeigen z.B. mit blutdunklem Wasser , mit dem Leichen nach der Autopsie gewaschen wurden, verfinsterte Acquarell-Papiere oder verwenden abgesaugtes, menschliches Fett, welches z.B. in den Berliner Kunst-Werken auf eine riesige Mauer verstrichen wurde, die dadurch in gelben Glanz erstrahlte wie nach einer kostbaren Vergoldung.
Margolles verbackt Sand von Wüstengegenden, in denen über einen Zeitraum von dreizehn Jahren mittlerweile über 400 Opfer von Frauenmördern gefunden wurden, zu Ziegelsteinen, um mit diesen “eine Schutzmauer gegen die Gewalt ” zu errichten. Die Mörder sind bisher nicht gefasst und werden nach Margolles`Angaben mutmasslich durch offizielle Stellen gedeckt.
“Jeder muss in der Sache etwas tun. Ich kann das nun mal am besten mit der Kunst” behauptet sie.
Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst schwebten Seifenblasen im luftig hohen Raum, mit Wasser erzeugt, welches ebenfalls mit Flüssigkeiten und abgewaschenen Gewebsresten toter Menschen belastet war. Mit gleichermassen durch organische Kleinstteile morbid aufgeladenem Wasser wurde von ihr Zement angemischt und in Formen für glatte Betonbänke gegossen, die an coole Designer-Möbel erinnern.
Eine besonders bedenkliche Arbeit besteht aus der gesonderten Zurschaustellung der kompletten, abgetrennten und gepiercten Zunge eines Drogensüchtigen, die Margolles von der Mutter im Tausch gegen einen Sarg erhielt, den diese sich für ihren erstochenen Sohn nicht leisten konnte.
Die Mutter wird gewiss nicht verstanden habe, was diese finstere und grimmige Frau mit der Zunge ihres Sohnes wollte, jedenfalls nicht, wie die Zurschaustellung dieses Teils ihrem toten Jungen oder seinen noch lebenden, drogenabhängigen Freunden helfen könnte. Aber immerhin konnte sie ihn nun auf würdigere Weise beerdigen.
Hier materialisiert Margolles ihre moralisierende Anklage nicht “nur” mit beinahe unsichtbaren Spurenelementen toter Menschen, sondern schonungslos mit einem eindeutig als Solches und Ganzes identifizierbaren Körperteil.
Im Französischen bedeutet >tongue< erhellend zweierlei: Zunge und Sprache.
Beides zusammen verleiht uns eine Stimme, die entweder gehört wird oder eben nicht.
Die krasse Realität der abgetrennten Organs überläßt es uns, diesen oder einen anderen Zusammenhang zu entdecken, in erster Linie erzeugt sie aber nur einen Schock.
Wenn Margolles ihre Arbeit als eine Art Schocktherapie für eine mitleidlose Gesellschaft versteht, dann stellt sie sich vermutlich ein ebenso saturiertes wie abgebrühtes Kunstpublikum vor, dem endlich das interesselose Wohlgefallen in würgreizende Gewissensbisse umschlägt.
Aber wird sie damit das eingeforderte Mitleid erzeugen oder steigern, laut Schopenhauer die "einzige moralische Triebfeder"?

Man würde wahrscheinlich in den Augen von Teresa Margolles ihrer Arbeit nicht gerecht, wenn man diese primär an formalen Kriterien messen würde. Hier benutzt sie meist eine längst durchgesetzte Bildsprache des Minimalen, die wohl als solche keinem mehr weh tut oder vor den Kopf stößt, der freiwillig Kunstorte aufsucht, an denen er auch auf ihre Arbeiten treffen kann.
Sie würde sich mit unangemessenen Maßstäben bewertet fühlen, und auf Inhalte und Ansinnen verweisen.
Aber letztlich benutzt sie für deren Veranschaulichungen individuelle Formalisierungen im Kontext der Kunst, den sie wählt, benutzt und anstrebt. Dies sei mal unterstellt.
Die Arbeiten von Margolles wollen auch gewiss nicht auf selbstbezügliche Weise "schön" oder gelungen sein, sondern auf tückische Art mittels anerkannten Schönheiten des Minimalen die größtmöglichen Höhen des scheinbar Erhabenen erreichen , von denen man dann um so tiefer in die Abgründe des Wahren stürzen soll.
Aber eigentlich trifft man nicht auf Wahres, sondern auf Konkretes, zweifelsohne auf drastische Weise.
Die konservierte Zunge eines Junkies ist real, aber nicht "wahr" im Sinne von >zutreffend<. Die nachvollziehbare Darstellung einer Beziehung kann eine Wahrheit offenbaren, wie z.B. die Distanz zwischen der Sphäre von Kunstvereinen und denen von mexikanischen Großstadtghettos. Aber solch eine oder eine vergleichbare Beziehung wird von Margolles nicht formuliert, sondern allenfalls unterstellt.
Die Frage nach der Originalität und Qualität ihrer formalen Mittel wird also ihrer Kunst, gemessen an ihren eigenen Maßstäben, vermutlich nicht gerecht, was nicht heißt, das sie nicht gestellt wird.
Die Frage, die sich mir aber eher aufdängt, lautet: wird diese Kunst denn auf andere Weise dem gerecht, worauf es verweisen soll?

Margolles Arbeiten bedienen sich ungeheurer Kräfte ihrer “Materialien” und Quellen, die aber m.E. nicht ihr eigen werden.
Halten ihre Mittel das aus, was sie ver-mitteln sollen und ist ihr Ansatz und Wollen auf künstlerische und nicht-künstlerische Weise ehrbar?
Ein moralisches Gesetz hat seinen Wert an sich, unabhängig von der moralischen Glaubwürdigkeit desjenigen, der es vertritt. Aber im Zusammenhang ihrer Kunstausstellungen geht es doch wohl nicht vorrangig darum, die Berechtigung ihrer Moral-Vorstellungen zu beurteilen, sondern die Arbeiten von Teresa Margolles als Künstlerin, die sich als solche versteht und preisgibt.

Die künstlerische Formulierung irgendeines Sachverhaltes oder einer Beziehung bedeutet fast immer ein Zurücktreten, eine Distanzierung, ebenso wie die Betrachtung des Kunstwerkes meist ein Nicht-Involviertsein in das vorraussetzt, was man betrachtet.
In dem Büchlein “Della Pittura” des italienischen Malers Salvo ist mir eine einleuchtende Passage im Gedächtnis geblieben. Dort fragt er sich, ob ein zum Tode Verurteilter, dem man die Methode der kurz bevorstehenden Vollstreckung des Urteils mittels eines Gemäldes veranschaulicht, nicht damit überfordert oder zumindest unwillig sei, die künstlerischen Qualitäten des Bildes zu bewerten?
Ich meine, er müsste schon ein fabelhafter Dandy sein, um zu nörgeln, daß die Mauer in der Ecke des Bildes zu gelb geraten sei.
Mag sein, daß Teresa Margolles selber nicht den größten Wert auf die künstlerisch-formalen Qualitäten ihrer Arbeit legt. Aber warum wählt sie dann die Mittel, Präsentationsformen und Orte der Kunst und worin sieht sie dann deren Qualität oder worin besteht die Rechtfertigung dieser Wahl?
Ich vermute, sie findet diese Rechtfertigung ihrer Mittel und Methoden in den Misständen, die sie thematisiert. Ihre Arbeit versteht sich im erträglichsten Fall als Mittel zum Zweck, als Gegenkraft zu Gewalt und Unrecht, Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit, den gedankenlos zugelassenen oder gar gewollten Kolateralschäden unserer Gesellschaft.
Ihr Auftritt gleicht einer Selbstinszenierung als Teisiphone, Tochter der Nacht, eine der düsteren Erinnyen, als eine Göttin der rachsüchtigen Seelen der Ermordeten.
Euphemistisch wurden die Erinnyen auch als die Wohlgesinnten, die Erhabenen bezeichnet.
Wer will die Berechtigung Margolles wohlmeinender Wut in Frage stellen, ihre über allen Zweifel erhabene Recht-schaffenheit?

Sie bedient sich einer bewährten und verbreiteten Technik der Übertragung:
da die Empörung über die Ungerechtigkeit notwendig ist, ist es auch ihre Kunst.
Da die moralische Entrüstung gerechtfertigt und gut ist, sind es auch ihre Mittel.
Da ihr Anliegen doch nicht ernsthaft kritisierbar ist, gilt gleiches für ihre Arbeit, die diesem dient.
Ihre Haltung ist a priori gerechtfertigt und Kritiker machen sich zum Anwalt der Relativierung dessen, was sie anklagt.

Kunstkenner zeigen ein mildes, spöttisches Lächeln für die schlichte und einfältige Beharrlichkeit des spießbürgerlichen Banausen, unbelehrbar das künstlerische Abbild mit seinem Gegenstand gleich zu setzen und danach zu beurteilen: das Bild einer schönen Rose wird und muss ein ebenso schönes sein.
Nicht auf dieser Ebene der Oberflächlichkeit findet hier Vergleichbares statt, aber auf der abstrakteren, konzeptuellen Ebene der Erweiterung des Kunstbegriffes mit sozialkritischer Aktualität und Radikalität.
Die realen Hintergründe ihrer Arbeit sind brisant, also ist es auch diese selbst. Die Skrupellosigkeit der Mittel in den dehnbaren Freiräumen der Kunst werden durch den Zweck geheiligt. Wenn das Publikum genötigt werden soll, die gehüteten Grenzen seiner elitären Welt zu öffnen, dann sind auch Bildsprachen gestattet, die mit der Verwendung toter, menschlicher Materie tabuisierte Grenzen überschreiten.
Dieser Anspruch und diese Schlußfolgerung sind es, die mich zu dem Urteil bewegen: hier ist alles falsch!

Darüberhinaus frage ich mich, ob denn ihre Arbeit als Schocktherapie heilsame Wirkung zeigen, oder überhaupt eine Reaktion oder eine Wirkung hervorrufen kann , die den Kunstkontext verlässt, denn nur eine solche könnte hin finden zu jenen Verhältnissen, wo Margolles Arbeiten ihren Impetus aufnahmen.

Nicht nur Kriege und Schlachten haben uns deutlich gemacht, daß der Mensch aus großer Distanz abstrakten Denkens auch oder vor allem als Material betrachtet werden kann, in seinem Wert auf Zahl und Masse reduziert.
Ich will mich nicht darauf einlassen, den Mensch und die Materie, aus der er besteht, nun auch im Zuge einer ständigen Erweiterung des Kunstbegriffes im physischen Sinne als Material eingeführt zu wissen, so kritisch und human das auch gemeint sein mag, auch dann nicht, wenn Menschen (und “höhere” Tiere) an anderer Stelle bereits und immer wieder so behandelt worden sind und werden.
Ebenso sträube ich mich gegen eine mögliche Poetisierung menschlicher Körpermaterie als Elemente einer künstlerischen Sprache.
Auch die eher prosaische Art und Weise, die Zunge eines mittel- und chancenlosen Junkies “nackt”, ohne weiteres vermittelndes oder kommentierendes Drumherum auszustellen , reflektiert nicht angemessen Art und Ende seines Daseins, und sie bildet es auch nicht auf irgend eine Weise ab.
Diese Kunst mindert nicht die Missverhältnisse, die Entfremdungen und Entrechtungen, die sie zu entlarven vorgibt, sondern wird ein Teil von ihnen.
Das Argument, daß es in der Kunst ein sehr aktuelles und auch legitimes Verfahren sei, Formen und Methoden von Veranschaulichungen und Präsentationen aus anderen Kontexten in jene des kunsttheoretischen Diskurses zu transportieren und sich dabei gleichzeitig Varianten einer ursprünglich kunstfremden Ästhetik anzueignen, erscheint mir hier auf eine liederliche Weise abstrakt.
Im anatomischen und pathologischen Institut trifft man selbstverständlich auf ähnliche Präparate, die den Menschen primär als geformte Materie in den Vordergrund stellen. Aber diese möglichst objektive Reduzierung auf das Stoffliche dient allein dem Zweck, die Anatomie der gesunden von den erkrankten Organen unterscheiden zu lernen. Das Studium des Allgemeinen dient dort zur Befähigung, später die einzelne, individuelle Krankheit behandeln und heilen zu können.
Man könnte einwenden, Teresa Margolles wolle mit der ausgestellten Zunge auf vergleichbare Weise eine Degenerierung veranschaulichen, das abgetrennte Organ zur Diagnose einer Krankheit des gesamten sozialen Miteinanders verwenden.
Aber das wissenschaftliche Präparat belegt unter Verzicht auf jede darüber hinausgehende Subjektivität präzise einen isolierten Befund oder eine allgemein verbreitete anatomische Struktur, auf deren Übertragbarkeit sich der angehende Mediziner für seine Praxis verlassen kann, während Margolles`Präparat Mittel zum Zweck eines höchst subjektiven Statements ist, konturlos weit an Umfang und arm an Inhalt.
Wenn es sich seit Duchamp vereinbarungsgemäß so verhält, daß der Kontext “Museum” ein gefundenes und mit Kunstwollen aufgelesenes Objekt tatsächlich unwiderlegbar in Kunst verwandelt, dann geschieht dies doch auch mit der Zunge des toten Jungen, oder diesmal vielleicht nicht?
Die Verwendung echter Leichenteile zur Hinterfragung solcher Selbstbezüge des künstlerischen Diskurses empfinde ich als Missbrauch und wie eingangs gesagt: falsch.
Ich wette, daß keiner der Kuratoren und Kuratorinnen, die diese Kunst in ihren Kunsthäusern präsentieren wollen, dies aus einem Einsatz für die sozialkritischen Ansätze Teresas Margolles tun, sondern aus Gründen, die in eigendynamischen Gesetzmässigkeiten des Kunstbetriebes zu finden sein werden. Die Aufnahme solch einer “umstrittenen” Arbeit offenbart den avancierten Geist des Kunstortes und seiner Macher, die Werke mit ihren Hintergründen und Materialien werden dort zu einer extremen Position und als solche bewertet und vermarktet.
Ich wette ebenso polemisch, daß kaum einer der Verantwortlichen, sollte er selber Kinder haben, diese auf eine Schule schicken würde, deren “Ausländeranteil” 30% oder mehr beträgt.
In der Kunst “berührt” uns das Leichenwaschwasser der Schmuddelkinder, aber spielen wollen wir mit ihnen nicht.

Teresa Margolles hat Abschiedssätze von Selbstmörderinnen öffentlich gemacht, die diese in anklagenden Briefen der Verzweiflung hinterlassen haben. Mit roten, beweglichen Lettern hat sie diese auf weisse Tafeln auf Fassaden mexikanischer Kinos gesetzt, dort wo sonst die Titel verfilmter Dramen für ein grösseres Publikum werben.
Es gibt Liebesleid, es gibt Verzweiflung, es gibt Selbstmorde und es gibt letzte Schuldzuweisungen. Es gibt Freunde und Angehörige, die sich Vorwürfe machen und Schuldgefühle hegen. Selbstmorde hinterlassen Menschen, die möglichweise zuvor etwas unterlassen haben, die mehr hätten tun können. Einen Menschen für den Freitod eines anderen verantwortlich machen, ist ein ungeheurer Vorwurf. Als Selbstmörder solch einen Vorwurf als letztes Zeugnis zu hinterlassen, auf die es keine Antwort und für die es keine Verteidigung gibt, lässt den Beschuldigten sein ganzes Leben nicht mehr los. Es gibt im Leben die “volle Trauer” über den Verlust anderer Menschen, es gibt die “halbe Trauer”, das “Zehntel Trauer”, das “Tausendstel Trauer” usw., je nachdem, wie nahe man dem oder gar den Toten stand. Es gibt konkrete und abstrakte Trauer.
All das gibt es.
Was will Teresa Margolles? Will sie mehr, als dies fest zu stellen um damit zu wiederholen, was alle wissen? Will sie jemand anklagen , beschuldigen, wachrütteln? Will sie klagen, daß es Selbstmorde gibt? Will sie, kann sie verhindern, daß es sie gibt? Glaubt sie, die anderen können es verhindern? Und glaubt sie, wenn dies vielleicht sogar in Einzelfällen möglich sein könnte, dies mit den Mitteln der Kunst erreichen zu können? Und nicht nur Selbstmorde, sondern auch noch Frauenmorde, Foltermorde, Mafiamorde, Kriegsmorde , alle Morde, die wir uns vorstellen können?
Ein Zitat einer Selbstmörderin lautet: “Adios, sagt dir die Hässliche, die Widerliche, die du immer gehasst hast.” Die so Geschmähte und Gekränkte wurde 33 Jahre alt. Sie ist jung gegangen, viel zu früh.
Aber ist es eine Schuld, wenn jemand nicht lieben kann, wie es sich der andere wünscht? Was wissen wir von dieser Geschichte?
Will Margolles, daß wir uns eine allgemeine, diffuse, unspezifische Betroffenheit zulegen, oder daß wir aufmerksamer werden in eigenen Angelegenheiten unmittelbarer Nähe?
Margolles wird nicht von mir wollen, um die Einzelne Selbstmörderin zu trauern, wie ich es um meine Frau täte. Vielleicht will sie mir vor Augen führen, daß die unsichtbaren Tragödien der Namenlosen nicht banaler sind als die großen auf der Leinwand und hinter jedem Freitod ein unerträgliches Elend stand, das durch Anteilnahme villeicht hätte gemindert werden können. Was auch immer: mögen ihre Absichten hehr und lauter sein, Sound und Lautstärke, in der sie sie verkündet, sind mir zu verzerrt und zuwider.
Ihr “Material” ist auf eine Weise beseelt, die für mich in keinem akzeptablen Verhältnis steht zu der Form, wie es in ihren Arbeiten behandelt und verwendet wird, und zwar vor allem deswegen, weil die Kräfte der Reaktionen des Publikums auf die Spurenelemente der Toten nicht zu diesen und ihren Lebensumständen zurückkehren.
Selbstverständlich will ich nicht, daß mich Seifenblasen berühren und benetzen, wenn mit diesem trüben Wasser Leichen gewaschen wurden, selbst dann nicht, wenn es sich bei der Toten um mein geliebtes Weib handeln würde, von der mir niemals irgendein Körpersaft zuwider war.
Aus den Seifenblasen wird auch dann keine soziale Anklage, wenn der Tod der Opfer dazu Anlass gibt.

“Der Kontakt mit dem Tod erinnert daran, daß man selbst am Leben ist” verkündet die Künstlerin dann doch irritierend banal und trivial.

Ich hatte in meinem Leben auf eine Weise Kontakt mit dem Tod, daß dies mich ausschließlich mit voller Wucht daran erinnerte, daß ein geliebter Mensch nun plötzlich nicht mehr lebte. Die Toten des World Trade Center oder des israelisch-libanesischen Konfliktes erinnern mich nicht erleichternd an meine Lebendigkeit ,sondern lassen mich verzweifeln, daß dieser Wahn nie aufhört.
Die Toten in den allabendlichen Unglücksnachrichten rufen immer wieder neue Varianten von Vorstellungen hervor, wie sich letzte Minuten oder Sekunden anfühlen könnten, und nicht den Triumph, immer noch und wieder zu den Verschonten zu gehören.
In den sicheren Räumen der Kunst sind mir Ankläger, Schocker und Moralapostel meist suspekt. Mag sein, daß Teresa Margolles, wie so viele andere, all die sozialen Ungerechtigkeiten um sich herum nicht mehr erträgt, und es gibt auch viele, die sich “vor Ort” engagieren, auch unter den Kunstbetrachtern.
Aber sie trägt dies in die Sphäre der Kunst, als zornige Rächerin der Vergessenen und Entrechteten attackiert sie kompromiss- und schonungslos die Barrikaden der Gleichgültigkeit , und rennt nur durch offene Türen eines Betriebes, der in seinem weissen Speck alles schluckt, dem alles zum ormalen und spannenden Spiel wird, wo all ihr flammender Furor vom Kunstflaneur mit wortwörtlicher Unbetroffenheit von den Verhältnissen, von denen ihre Kunst ihren Ausgang nimmt und verkünden will, im nächsten Latte Macchiato verrührt wird.
Im Kunstbetrieb verkümmert ihre Anklage zu einer Position im Diskurs. Das muss sie wissen. Und ich vermute, sie weiss es. Wenn es ihr hauptsächlich um die Etablierung ihrer extremen Position geht, wird es widerlich.

Auf die Frage nach dem persönlichen Antrieb für ihre extreme Arbeit kokettiert sie, daß sie froh wäre, sie nicht machen zu müssen.
Ach du heilige Notwendigkeit:
das wäre ich auch, das wir wären wir wohl fast alle!
Die Erinnyen verfolgten die Frevler und straften sie mit Wahnsinn.
Wir können zur Zeit unsere Köpfe gar nicht schnell genug hin und her wenden zwischen Westen und Osten , um fassungslos mit anzusehen, wie schnell aus selbstgerechten Verfolgern mit himmlischen Zorn wieder nur wahnsinnige Frevler werden.

Eine Reaktion zu “Zur Kunst von Teresa Margolles oder: der heilige Zweck und die Mittel”

  1. Stephan

    Gratulation zum Weblog und zum ersten Posting! Freue mich auf die, die noch kommen mögen.
    Ich kenne zwar die Arbeiten Margolles’ (möglicherweise leider) nicht, finde aber die von Dir beschriebenen Installationen schon interessant (auch wenn interessant schon wieder das falsche Wort ist). Dass Sie den Kunstkonsumenten dazu bringt, sich vor Dingen zu ekeln (auch wenn ekeln schon wieder das falsche Wort ist), vor denen man sich sonst eben nicht ekelt, sondern drüber hinwegliest, verdrängt. Wie würden Dir Ihre Installationen gefallen, wenn Sie persönlich als Künstlerin überhaupt nicht namentlich in Erscheinung träte, wenn also der Kunstschaffendenaspekt (wer hat das gemacht, wo, wann usw.) nicht relevant wäre und die Installation einfach nur für sich steht, als anonyme Werke?

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