Paulo Coelho`s Hilfe bei Lebenskrisen und praktischen Alltagsproblemen
18. Oktober 2011Wenn ich mal gute Einfälle habe, dann meist unter der Dusche.
Wahrscheinlich liegt es an diesem entrückten Zustand relaxten Dösens,
bei dem meine geistigen Kräfte, die mir eigentlich innewohnen, vorübergehend mal der drosselnden Kontrolle des ehrgeizigen Wollens entgleiten und ins verdutzte Bewusstsein sickern.
Aber auch die Gespräche mit guten Freunden unter der Dusche, z.B. nach einem Tennismatch ,
führen nicht selten zu fortschrittlichen Einsichten und beglückenden Übereinstimmungen.
Zur Lockerheit des Gespräches trägt hier bei, daß man, mit männlicher Diskretion, nicht permanent den Anblick des Anderen sucht, der , genauso mit seiner Körperpflege beschäftigt wie man selbst, mal mit dem Kopf im Nacken, mal mit dem Kinn auf der Brust, sich unter dem Wasserstrahl drehend und wendend , eher in den hallenden Raum hinein spricht als in das Antlitz seines nackten Gesprächspartners. So nehmen diese Dialoge eher den assoziativ mäandernden und eigendynamischen Verlauf eines Selbstgespräches, und da sie auf nichts wirklich zielen, treffen sie verspielt oft umso besser als manch ambitionierte Diskussion.
Mein Freund und Tennispartner, mit dem ich mich gestern in solch entspannter Situation befand, war nun gerade auf der Buchmesse in Frankfurt gewesen, und hatte bereits auf der Autobahn riesige Plakate, die Autobahn überspannend, wahrnehmen müssen, die den neuen Roman von Paulo Coelho ankündigten, quasi wie das Ziel-Banner bei einem Autorennen.
( Bei diesem Vergleich fällt mir auf, obwohl ich jetzt nicht unter der Dusche stehe, wie leicht dieses Wort ” Autorennen” zu ” Autorenrennen” mutieren kann, lediglich erweitert durch die Silbe ” ren”, das wiederum ein schnelles Tier bezeichnet, dessen Namen zu schnell ausgesprochen leicht zu “Renntier” wird, was wiederum Sinn macht in Bezug auf….. lassen wir das!)
Bei dem Namen dieses Autors unterbrach ich meine Waschung wie ein durch ein verdächtiges Geräusch innehaltendes Reh, das für eine Weile seine mechanischen Kaubewegungen einstellt, den Kopf hebt und in die Richtung der Bedrohung äugt.
“Paulo Coelho? Von ihm stammte das bisher einzige Buch das ich nach zehn Seiten angewidert in die Ecke gepfeffert und dann als Ausgleich einer Bodenunebenheit unter dem Schlafzimmerschrank verwendet habe.”.
Mein Partner stiess nach dieser ehrlichen, aber auch frevelhaften Äusserung in entzückter Zustimmung einen schrillen Schrei der Freude aus.
Dazu sei zu seiner Verteidigung gesagt, daß er eigentlich ein wahrhafter Büchernarr ist, der pausenlos Empfehlungen rechtschaffen unbekannter Autoren ausspricht, also ein Mann mit allergrösstem Respekt vor diesem Medium, zumal er selber bereits ein Buch veröffentlicht hat und für sein zweites z.Z. einen Verleger sucht.
Ich will an dieser Stelle auch noch kurz erwähnen, daß er mit einem rumänischen Akzent spricht, was seinen literaturkritischen Bemerkungen irgendwie noch ein höheres Gewicht und zusätzliche Bedeutung verleiht, vielleicht durch diese extreme Dehnung mancher Silben an entscheidenden Punkten seiner Aussagen.
” Genau” jauchzte er, ” bei mir hat das Buch eine ähnliche Verwendung gefunden, und zwar in einem Spalt zwischen unserer Waschmaschine und einer darüber liegenden Platte, die immer klapperte und rumorte, wenn die Maschine schleuderte, bis ich mit diesem Buch das Vibrieren dämpfen konnte, weil es exakt in diesen Spalt passte.”
Wir hatten beide unseren Coelho-Roman geschenkt bekommen. Meiner hiess ” Der Zefir”,
und war mir überreicht und wärmstens ans Herz gelegt worden von einem Bekannten, dem dieses Buch in einer kummervollen Lebensphase sehr geholfen hatte. Es hatte ihm wieder eine zuversichtliche Orientierung aufgezeigt.
Auch ich befand mich damals in einer labilen Lage, da mir den Boden unter den Füssen weg gezogen worden war. Mein Bekannter versicherte mir, daß dieses Buch genau meine Situation schildern, aber auch heilsam die Augen öffnen würde.
In gewisser Weise tat es das auch, obwohl ich nur die nahezu homöopathische Dosis von zehn Seiten zu mir genommen hatte.
Ein bis zwei Jahre nach der schmerzhaften Erschütterung meiner Lebensbedingungen fand ich irgendwann, wenn auch auf andere Weise, neuen Mut, der mich auch wieder die Initiative ergreifen ließ, nach schönen Frauen Ausschau zu halten, um sie für mich einzunehmen.
Dabei zeigte die Literatur von Coelho manchmal tatsächlich eine Art therapeutisch-prophylaktische Wirkung, die ich für mich zu nutzen wusste, um mich vor weiteren schmerzhaft enttäuschenden,wenn auch gänzlich anderen Erfahrungen zu schützen.
Denn mein Tennispartner und ich fanden zu einer weiteren Übereinstimmung, die unsere Freundschaft festigen wird, daß man nämlich Paulo Coelho nicht nur wegen der oben geschilderten Nützlichkeit seiner Bücher dankbar sein kann, sondern auch wegen einer anderen, die mir persönlich z.B. bei meinen Bemühungen auf der Suche nach einer neuen Partnerin zur Hilfe kam.
Es handelte sich um den Vorteil der Abkürzung, oder, anders ausgedrückt:
Coelho hilft zu vermeiden, den Samen ernsthafter Minne auf unfruchtbarem Boden zu verstreuen.
Ich hatte mir die Taktik angewöhnt, bereits bei einem ersten Date mit verschiedenen Rendesvous-Partnerinnen den Namen dieses Autors beiläufig zu erwähnen, um durch die Reaktion der anderen Seite meinen weiteren Einsatz zu bedenken.
Auch wenn wir beide unseren Coelho-Roman von einem männlichen Leser geschenkt bekommen hatten, so besteht doch der grösste Teil der Leserschaft dieses sanftäugigen Frauenverstehers aus weiblichen Verehrerinnen, und von diesen der grösste Teil vermutlich mit eher esotherischen als naturalistischen Ansichten, heil- und sinnsuchend um sich selbst kreisend in psychologischen Endlosschleifen.
Als angeschlagener Mann, mitten in der Renaissance seines männlichen Selbstbewusstseins,
auf der Suche nach diesseitiger Sinnlichkeit sollte man den dauerhaften Kontakt, bzw. unausweichlichen Konflikt mit solchen Damen eher vermeiden.
Man konnte also manche meiner Verhaltensweisen vergleichen mit meinem sofortigen inneren Rückzug, den ich vor langer Zeit von einem anderen Bekannten angetreten habe. Ein bis dahin für mich recht normal und belastbar anmutender Nachbar. Bis er mir eines Tages schilderte, wie er als Mitglied in einem religiösen Zirkel bekehrter Zeuge einer Wunderheilung geworden war. Der Führer dieser evangelikalen Gruppe hatte an jenem Abend angekündigt, daß Gott bei dieser Zusammenkunft Rückenleiden heilen wolle. Daraufhin hätten sie mit vereinten Kräften gebetet und dann alle mit angesehen, wie das extrem verkürzte Bein einer bis dahin bemitleidenswerten Frau innerhalb von Minuten um 10 cm ! gewachsen wäre, quasi aus dem Unterschenkel heraus. Hallelujah!
Von da an hatte ich ein Kommunikationsproblem mit diesem Nachbarn. Ganz leise. Nur für mich, unausgesprochen, bei weiterhin aufrecht erhaltender Höflichkeit. Von da an mit aristokratischer Distanz des Small-Talk, jede vermeintlich mögliche innere Aufruhr meines Nachbarn vermeidend.
Man soll ja die Anderen respektieren.
Und schonen.
Selbst die, die schon mal in Ufos mitgenommen worden sind oder des nachts in ihrem Kopf hören, wie sie wieder von den Hügeln senden.
” Jeder Jeck is anders”, heisst es in Köln.
Paulo Coelho ist auch anders.
Und er ist so reich und erfolgsverwöhnt, daß er meinen kleinen, persönlichen Dank ja gar nicht braucht. Aber mir hat er eben zu diesem ” Lakmus-Test” in zwischenmenschlichen Dingen verholfen.
Und damit so manche Irritationen verhindert.
Auf beiden Seiten.
Das ist doch nicht wenig.